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Penelope Rowe

Tigerland

Buchbesprechung von Christoph Vogt

Inhaltsangabe

"Tigerland", geschrieben von Penelope Rowe, ist ein Roman und wurde vom Verlag Knaur 1994 veröffentlicht.

Anne-Marie, alle nennen sie Matti, lebt in England. Ihren Heimatsort hat sie aber in Australien. Eines Tages erfährt sie, dass ihr Vater im Sterben liegt, und fliegt daher nach Australien. Sofort nach der Ankunft wird Matti als erstes daran erinnert, ihren Vater nicht aufzuregen, was sie anscheinend ihr ganzes Leben lang gemacht hat. In dem Moment, als sie das Krankenhauszimmer ihres Vaters betritt, bietet sich ihr ein Bild des Schreckens. Ein alter, schwacher, kaum noch Leben in sich tragender Mann liegt auf dem Bett. Anne-Marie kann nicht glauben, dass dies der stolze und harte Dr. sein soll, welcher sie mit Gewalt und Disziplin erzogen hat.

In der ersten Nacht erinnert sie sich wieder an ihre ganze Kindheit. Matti hat ein hartes Leben hinter sich. Erst die Klosterschule, welche sie zwölf Jahre lang besucht hat, und dann noch ihr Zuhause. Dort gibt es nicht viel zu lachen. Der Vater ist ein bösartiger, auf Disziplin gedrillter Tyrann. Er hat selbst nie anderes erlebt. Die Mutter lebt im Schatten des Vaters und erfüllt ohne Widerwort die Hausarbeit und die mütterlichen Pflichten. Das nächste große Problem ist ihr älterer Bruder Desmond. Er ist der Stolz des Vaters und will Pfarrer werden. Desmond ist ein von Ordnung und Selbstdisziplin geprägter junger Mann. Matti bekommt deshalb nur wenig Beachtung geschenkt und wenn, dann wird sie nur ermahnt, mehr wie ihr Bruder zu sein. Das Mädchen muss wegen ihres Vaters in ständiger Angst leben. Matti besitzt keinerlei Freiheiten und hat auch nie die Chance bekommen, sich selber zu verwirklichen.

Im Angesicht des Todes, will sie mit ihrem Vater aber nicht mehr über Vergangenes diskutieren. Sie vergibt ihm und er verstirbt einige Tage später in ihren Armen.


Interpretation

Das Buch "Tigerland" besitzt zwei Schauplätze. Einerseits Australien, die Heimat von Matti, und auf der anderen Seite England, wo sie wohnt und zur Schule gegangen ist. Das einzige, was damit dargestellt werden will, ist wahrscheinlich der Unterschied der Gefühlswelten, in denen sich die Tochter, also Matti, und der Rest der Familie befinden. Es bestand immer schon eine große Distanz zwischen Matti und ihrer Familie.

Die Geschichte handelt nicht nur vom üblichen Vater-Tochter Konflikt. Es geht auch um Unterdrückung, Gewalt als Mittel zur Erziehung und Bevorzugung einzelner Familienmitglieder. Die Mutter hat dabei die Rolle der Unterdrückten. Sie traut sich nicht, etwas gegen ihren Mann zu sagen, und ist eine ewige Ja-Sagerin. Deswegen muss sie viel Kummer und Leid ertragen. Desmond dagegen, der Bruder von Matti, hat es leicht. Er ist der Liebling des Vaters und hat dadurch alle Freiheiten und wird so gut wie nie eingeschränkt. Desmond dient als Vorbild. Für den Vater gibt es nur eines: absoluter Gehorsam oder Gewalt. Wer nicht seinen Vorstellungen oder Befehlen entsprechend handelt, bekommt dies mit Sicherheit zu spüren. Er lebt in dem Glauben, das Beste getan zu haben, und stirbt auch damit.

Matti lebt in einer Welt voller Gefühle und von außen auf sie einwirkender Eindrücke. Wenn sie mit der Straßenbahn am Meer vorbeifährt, riecht sie den Duft von Freiheit. Sie hat sich diese Welt nur aufgebaut, weil sie von der echten Welt, also der Realität, ständig nur enttäuscht wird. Matti erfährt während ihrer Kindheit nur rohe Gewalt zuhause und sterile Disziplin in der Klosterschule. Deshalb flüchtet sie in ihre Traumwelt.

Die Beweggründe für den Autor, ein solches Buch zu schreiben, sind sicher nicht, die Gewalt an Kindern stoppen zu wollen oder mehr Mut für Emanzipation heraufzubeschwören, eher wollte die Autorin das Vergängliche darstellen. Ein Mensch kann noch so ein hartes und strenges Leben führen und wird trotzdem irgendwann dem Sensenmann begegnen. Es ist sicherlich ein befreiteres Sterben möglich, wenn man weiß, dass man das meiste in seinem Leben richtig gemacht hat und somit ewig in guten Erinnerungen weiterlebt.


Persönliches Urteil

Dem Buch "Tigerland" fehlen die Höhepunkte. Es kommt keine Spannung auf und es gibt keine Stelle darin, wo man sagen könnte, ich muss weiterlesen, um zu wissen, wie es endet. Außerdem kommt es immer wieder zum selben Schema. Tochter macht Fehler - Vater ist enttäuscht und böse - sie wird eingeschränkt, denkt darüber nach. Zu jeder Zeit kommen Eindrücke und Gefühlsschilderungen vor, wahrscheinlich von der Autorin selbst, die dort nichts verloren haben.

Was mir an dem Buch gefällt, ist die ehrliche und offene Art der Autorin, Themen anzusprechen. Es gibt nämlich einige Schilderungen, die sonst in solchen Büchern nicht zu finden sind. Themen wie z.B. erste Regelblutung werden so direkt angesprochen, dass man sich sogar als Mann in diese Situation reinfühlen kann. Bei "Tigerland" gibt es nur zwei Möglichkeiten: Das Buch gefällt oder nicht.