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Felix Mitterer

Abraham, Stück über eine Liebe

Inhalt

Max ist Baumeister auf dem Dorf, Witwer. Peter, sein Sohn, ist Architekt in der Stadt und ledig. Bald weiß es das ganze Dorf: Peter ist schwul. Glaubt man den Berichten in den Medien, so ist Homosexualität heute kein Thema mehr. Glaubt man ihnen wirklich, so scheint es, daß die Liebe der Menschen in ihrer ganzen Bandbreite gewußt und akzeptiert wird. Aber wie ist es wirklich um unsere Toleranz bestellt, in Städten und Dörfern, in Wirtshäusern und auf den Kanzeln der Kirche?

Peter erfährt, daß seine Form der Liebe hier, wo er zu Hause ist, nicht erlaubt ist, daß es einen Mann nicht gestattet ist, Männer zu lieben, daß es verboten ist, einen Freund zu haben, der mehr ist als bloß das, was ein Freund genannt wird: ein Partner, ein Lebensgefährte. Peter geht den tragischen Weg des Außenseiters. Er verliert seine Heimat, und die aggressive schwule Szene der Stadt ist kein Ersatz für ihn. Fixer, Ledertypen, Strichjungen; zu Hause gibt es Heilungsversuche durch den verzweifelten Vater Max - er besorgt Peter eine Hure, die ihn auf den "rechten" Weg bringen soll. Die Hochzeit mit einer Philippinin aus dem Katalog endet im Kampf und mit dem Ruf nach einem "Hitler" für die sogenannten Andersartigen.

Einzig der Pfarrer des Ortes vermag es nach langem Schweigen, die christliche Pflicht der Nächstenliebe zu üben. Er gibt Peter Schutz und, so weit er es vermag, auch ein wenig Trost. Für Peter ist es zu spät. Er stirbt, letztlich verraten von seiner Welt und seinem Vater, der wie Abraham seinen Sohn geopfert hat, Opfer von Vorurteilen, von Unrecht, Intoleranz und einer Lebensauffassung, die nicht das Recht hat, sich als christliche zu verstehen.


Der Autor

Felix Mitterer, geboren 1948 in Achenkirch, Tirol, ist einer der großen Schriftsteller unseres Landes. Seit seinem ersten Bühnenerfolg Kein Platz für Idioten ist die Heimat der Hintergrund seines Werkes. Schonungslos und mit großem dramatischen Können greift er zu Themen, die hochbrisant sind, und nimmt Stellung für die Außenseiter unserer pseudotoleranten Gesellschaft: Für Behinderte (Kein Platz für Idioten), für Alte (Sibirien), für Gastarbeiter (Munde), für jugendliche Ausreißer (Heim). Er nimmt Stellung gegen Bigotterie, Mitläufertum und das sogenannte gesunde Volksempfinden (Stigma, Die Kinder des Teufels, Kein schöner Land). Abraham entstand aufgrund eines konkreten Falles eines homosexuellen und HIV-Positiven.


Kritik

Mit Abraham, einem Stück über eine homosexuelle Liebe, gelang es Mitterer in ausgezeichneter Weise, dem Publikum zu vermitteln, wie ein homosexueller Mensch mit sich zu kämpfen hat, der an Gott glaubt und an die Gesetze der Kirche und der seine Veranlagung selbst für eine Sünde hält und der letztendlich unter dem Druck der Gesellschaft zerbricht.

Die Handlung ist emotional stark belastend, so wird es im Laufe des Stückes zunehmend unerträglicher, wie Ungerechtigkeit, Diskriminierung, Diffamierung, Borniertheit, alte Vorurteile und aufgewärmte Klischees unkorrigiert im Raume stehen bleiben. Wie der stete Tropfen den Stein höhlt, so verfährt gleichsam die dörfliche Gesellschaft mit Peter. Für den Zuseher scheint die bis an die Grenzen der Erträglichkeit gesteigerte Situation zu eskalieren, indem anstatt der im zweiten Teil ersehnten und erwarteten Berichtigung und Aufklärung der unhaltbaren Gegebenheiten konservativ-gesellschaftlicher Konventionen schonungslos zahlreiche Schäufelchen nachgelegt werden. Tief berührt und emotional belastet verläßt der Zuseher das Theater.

Gerade in den letzten Jahren hat sich aber auch bezüglich zunehmender Medienpräsenz, Information und Aufklärung doch sehr viel getan, und die ohnedies schon längst überfällige Thematisierung der ansonsten weitgehend von der Gesellschaft tabuisierten "Homosexualität" nahm endlich ihren Anfang.

So ist anzunehmen, daß die diesbezüglichen Information via Medien mittlerweile auch entfernteste Gebirgstäler und selbst die hinterwäldlerischten Bevölkerungsschichten Österreichs erreichten, um dort zumindest einmal bei manchen einen Denkprozeß einzuleiten. Freilich ist nicht sofort mit einer Liberalisierung des Weltbildes dieser konservativen, jahrhundertelang traditionsbehafteten und den in unveränderter Weise gesellschaftlichen Konventionen frönender Menschen zu rechnen, wohl auch nicht sofort mit einer Hinterfragung derselben, scheint diesen engstirnig denkenden, bescheuklappten Leuten doch offensichtlich der intellektuelle Zugang dazu zu fehlen.

Aus der Sicht der Homosexuellenbewegung scheint dieses Werk wohl eindeutig dahingehend kontraproduktiv zu sein, als es aufgrund der verwendeten Stereotypen der weiteren Stigmatisierung Homosexueller dienlicher ist als dem Anliegen der Bewegung, nämlich nicht nur die Akzeptanz, sondern die vorurteilsfreie Selbstverständlichkeit variierender sexueller Präferenzen und Lebensgestaltungsmöglichkeiten in der Gesellschaft voranzutreiben.


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