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Nikolaj Frobenius

Der Anatom

Nikolaj FrobeniusMan nehme ein paar literarische Versatzstücke, stöpsle sie mittels einer mehr oder weniger plausiblen Handlung zusammen und hoffe, dass das p.t. Publikum von all den Plagiaten nichts mitbekomme und einen deshalb in die Reihen der großen (?) und wichtigen (?) Gegenwartsautoren eingliedere. Was wie ein Kochrezept für Erfolgsautoren klingt, ist leider bei Frobenius enttäuschende Wirklichkeit geworden. Im Detail sieht das dann so aus:

Der Held Martin Latour Quiros ist das Produkt einer Liebesnacht zwischen einem bereits Halbtoten und einer Frau, die ansonsten von Männern gemieden wird. Die Parallelen zu John Irvings The world according to Garp sind nicht zu übersehen.

Der Held ist grundhässlich und mit einem absurden körperlichen Defekt ausgestattet. In unserem Fall kann er keinen Schmerz empfinden. Diese Anleihe bei Patrick Süskinds Erfolgsroman Das Parfüm soll nicht die einzige bleiben, denn auch seine Mutter Bou-Bou ist so hässlich, dass sie zur Attraktion wird, seine erste Geliebte, die Postituierte Valerie, hat einen wunderschönen Körper und ein verabscheuungswürdig hässliches Gesicht.

Der AnatomSeiner gesellschaftlichen Außenseiterposition entzieht sich Latour durch vermehrte Bildungsanstrengungen - das Studium der Anatomie - und durch den Kontakt zu einem anderen Außenseiter, dem ehemaligen Anatomen und nunmehrigen Tierpräparator Leopold.

Als seine Mutter - eine Wuchererin - stirbt, begibt er sich auf einen nicht exakt motivierten Rachefeldzug gegen alle, denen er die Schuld anlastet, bei seiner Mutter Geld geliehen zu haben. Dies trifft mit der Notwendigkeit zusammen, seine Kenntnisse zu vertiefen, was ihm im Provinzkaff Honfleur unmöglich ist. Also begibt er sich, nach einem Diebstahl flüchtend einerseits, nach Wissen und Rache suchend andererseits, in die Metropole Paris.

Dort überlebt er zuerst im Milieu der Prostitution, dann beginnt er zu morden. Zuerst nur, um einen Studienplatz bei Professor Rouchfoucault zu bekommen, dann aber, um Köpfe zu haben, deren Gehirne er auf der Suche nach dem Sitz des Schmerzes sezieren kann.

Als sein erster Mord entdeckt wird, gelingt ihm gerade noch rechtzeitig die Flucht: direkt in den Dienst des Schutzheiligen aller "Verehrer des Schmerzes", des Marquis de Sade. Gemeinsam erkunden sie die erotische Komponente des Schmerzes, einsam verfolgt Latour weiterhin die anatomische. Beide befinden sich ständig auf der Flucht, de Sade von Zeit zu Zeit auch im Gefängnis.

Der Polizist Ramon versucht wiederholt, dem unbekannten Mörder, der die Köpfe verschwinden läßt, auf die Spur zu kommen. Er erinnert in seiner Biographie an Robert Musils Gestalt General Stumm von Bordwehr, denn wie dieser will er, der regimegetreue Staatsdiener, - hier allerdings im vorrevolutionären Paris - das Denken der bürgerlichen Intellektuellen verstehen und in eine Ordnung bringen. Er scheitert daran ebenso wie sein literarisches Vorbild. Der Drang nach Ordnung, der einem literarischen Detektiv gewissermaßen typbedingt innewohnt, nimmt bei Ramon allerdings klare Züge der Besessenheit an, mit denen er an Gestalten aus Heimito von Doderers Romanen erinnert. So räumt er jeden Abend sein Zimmer nach einem von sieben vorher genau definierten Mustern um, damit er beim Aufwachen sofort erkennt, welcher Wochentag ist.

Der Roman dümpelt - sieht man von diesem endlos fortzusetzenden literarischen Quiz ab - ohne rechten Höhepunkt vor sich hin. Und so kann auch der Schluß nicht so recht überzeugen, denn Latour vegetiert, ohne seinen Herrn, der auch auf der Liste der potentiellen Opfer gestanden hätte, zu sezieren, in der Irrenanstalt seinem Ende entgegen. Seine Rache blieb unvollständig, und seine anatomischen Forschungen hat er, wie der halbwegs gebildete Leser von Anfang an schon wusste, ebenfalls nicht abschließen können. Man schließt das Buch und denkt sich: So what?