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Max Frisch

Mein Name sei Gantenbein

Buchbesprechung von Melanie Konzett

Inhalt

Der gesamte Roman ist als Ich-Erzählung geschrieben, wobei der Leser nie irgend etwas über das wirkliche Ich erfährt. Das ganze Buch hindurch befindet sich der Erzähler in einer fiktiven Welt, d. h., er stellt sich verschiedene Rollen in verschiedenen Personen vor, welche er dann niederschreibt. Diese Rollen des "Ich" sind in einem gleitenden Wechsel: mal Ehemann, mal Geliebter, mal verlassener Ehemann. Rollen wie Enderlin und Svoboda werden im Laufe des Romans fallengelassen; die endgültige Entscheidung lautet: "Mein Name sei Gantenbein."

Diese Person, welche ja eine Erfindung des Ich-Erzählers ist, schlüpft nun wiederum in eine andere Identität, nämlich in diejenige eines Blinden. Obwohl Gantenbein sehen kann, wie jeder andere auch, besorgt er sich eine Blindenbrille und einen Stock. In dieser Tarnung kann Gantenbein nun seine Mitmenschen beobachten, ohne dass diese irgendeinen Verdacht hegen. Oft stellt sich Gantenbein auch vor, wie es wäre, wenn er diese gespielte Blindheit auf einmal wieder aufgäbe.

Es wechseln jedoch nicht nur die Rollen des Ich-Erzählers, sondern auch diejenigen von Lila, der Partnerin Gantenbeins. Sie schlüpft in die Haut einer Ärztin, Mutter und einmal sogar einer Contessa (Gräfin).

Die Hauptperson, der "Held" der Geschichte, ist zweifelsfrei die Person Gantenbein. Es handelt sich hier um einen Antihelden, welcher nicht einmal mehr Träger eines individuellen Bewusstseins ist. Er liefert sich bewusst seiner Umwelt aus und nimmt als Blinder an den meisten Situationen nur passiv teil.


Interpretation

Dieser Roman ist einen neue, ungewöhnliche Version des einen Frischíschen Grundthemas, nämlich des Problems von Rolle und Wirklichkeit. Er erfindet durch sein "Erzähler-Ich" viele Wirklichkeiten, viele mögliche Begebenheiten, und ebenso erfindet er mehrere mögliche Rollen für das "Ich" sowie für die Partnerin.

Der Roman bietet eine unendliche Fülle von Randgeschichten, die das Wichtigste sind. Eine eigentliche "Story" gibt es ja nicht zu suchen, da das erzählende "Ich" keine Geschichte, sondern nur eine Erfahrung hat. Mit den Fabeln, Märchen, Träumen und Vorkommnissen steht und fällt denn auch dieses Werk. Ein Teil von ihnen offenbart Witz bis hin zu hintergründigem Humor, andere sind voller Irrationalität, manche voller Lebensphilosophie oder leben von Frischs Thesen, die durchaus nicht ohne Widerspruch bleiben müssen.

Was hinter der Blinden-Rolle des Gantenbein steckt, wird im Roman deutlich ausgesprochen, ich zitiere: "Immer wird Gantenbein sich eines besseren belehren lassen, um zu beweisen, dass er blind ist... Man wird ihm eine Welt vorstellen, wie sie in der Zeitung steht, und indem Gantenbein tut, als glaube erís, wird er Karriere machen. Mangel an Fähigkeit braucht ihn nicht zu kümmern; was die Welt braucht, sind Leute wie Gantenbein, die nie sagen, was sie sehen, und seine Vorgesetzten werden ihn schätzen." Hier wird hinter der speziellen Intention des Blind-Spielens eine scharfe Zeitkritik sichtbar, welche die vielen, tatsächlich lebenden "Gantenbeins" aufs Korn nimmt.


Stil, Sprache und Gestaltungsprinzipien bei Max Frisch

Der gesamte Roman spielt in der Ich-Erzählsituation, denn Gantenbein erzählt das Geschehen aus seiner eigenen Sicht.

Als die eigentliche Darstellungsform von Max Frisch gilt im Bereich seiner Prosa das Tagebuch. Der Roman Stiller ist als Tagebuch angelegt, auch die Erzählung Montauk ist so konzipiert. Bei Gantenbein kann man auf den ersten Blick zumindest nicht von einem Tagebuch sprechen, aber die offene Form des Ich-Romans zeigt zumindest die Nähe zum Tagebuchkonzept auch dort. Der bekannte Biograph von Max Frisch, Eduard Stäuble, hat zu recht darauf hingewiesen, dass bei Frisch immer wieder eine ausgesprochene Vorliebe für das Tagebuch zu konstatieren ist, mit dem dafür typischen skizzenhaften Festhalten bestimmter Augenblicke.

Gantenbein passt nicht in herkömmliche Romanschemata. Deswegen ist es auch nicht möglich, etwa eine Handlung nachzuerzählen. Weil auch hier die Tagebuchform Pate gestanden hat, gibt es weder eine Dramaturgie noch eine logische Abfolge der Geschichten. Viele Fabeln sind ohne den Zusammenhang des Romans, gewissermassen für sich stehend und auch allein, denkbar; andererseits fehlte dem Roman Gantenbein nichts Wesentliches, wenn die eine oder andere Geschichte fehlen würde. Ein Tagebuch kann auch in sich dramaturgisch logisch und konsequent sein; wenn aber Geschichten an- und ausprobiert werden, etwa mit der Frage: einmal sehen, was am Ende herauskommt und ob überhaupt etwas herauskommt, ist eine andere Dimension der literarischen Darbietung erreicht. Frisch ist diesen Weg im Gantenbein gegangen.


Informationen über den Autor Max Frisch

Max Frisch wurde am 15. Mai 1911 in Zürich als Sohn eines Architekten geboren. Auf Drängen des Vaters begann er 1931 nach dem Abitur in seiner Heimatstadt ein Studium der Germanistik. Aus finanziellen Gründen musste er zwei Jahre später das Studium abbrechen und arbeitete als freier Journalist. Im Rahmen dieser Tätigkeit führten ihn Reisen in die damalige Tschechoslowakei, nach Polen, Frankreich, Bosnien, Dalmatien, Griechenland und schließlich bis ans Schwarze Meer und nach Konstantinopel.

1936 begann er ein Architekturstudium, das er 1941 mit dem Erwerb des Diploms beendete. Von 1942 bis 1954 leitete er ein Architekturbüro. In dieser Zeit schrieb er Werke wie Die chinesische Mauer, Als der Krieg zu Ende war (1949), Graf Öderland, Don Juan oder die Liebe zur Geometrie und 1953 das Hörspiel Herr Biedermann und die Brandstifter. Seit der Veröffentlichung des Tagebuches 1946 - 1949 ist er in deutschsprachigen Ländern berühmt. Weltruhm brachte ihm der Roman Stiller 1954.

Neben seiner Arbeit als Architekt hatte er Kontakt mit Bertholt Brecht, welcher vorübergehend ebenfalls in Zürich zuhause war. Nach einem einjährigen Aufenthalt in den USA und Mexiko schrieb er 1954 einen seiner wichtigsten Romane: Stiller. Als das Architekturbüro aufgelöst wurde, begann Frisch als freier Schriftsteller zu arbeiten und schrieb 1957 den Roman Homo faber. 1960 - 1965 hatte er seinen Wohnsitz in Rom, wo er 1961 das Schauspiel Andorra schrieb. Ein Jahr später, also mit 51 Jahren, erhielt er die Ehrendoktorwürde der Philipps - Universität Marburg. 1964 schrieb er den Roman Mein Name sei Gantenbein. Frisch verlegte nun seinen Wohnsitz ins Tessin, wo er von nun an fast alle 2 Jahre ein neues Werk veröffentlichte. Max Frisch starb am 4. April 1991 in Zürich.

Frisch erhielt eine ungewöhnlich große Anzahl von Literaturpreisen, wurde ein begehrter Redner, bereiste die Welt und verfasste außer weiteren Dramen und Romanen zahlreiche polemische Schriften. "Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität. (...) Aber die beste und sicherste Tarnung (...) ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand."


Persönliche Beurteilung

Ich muss zugeben, dass mich dieser Roman positiv überrascht hat. Im Nachhinein kann man sagen, dass die ersten zehn Seiten ziemlich langweilig sind. Recht schnell findet man sich dann jedoch im Buch zurecht, so dass das Lesen zur Freude wird. Der Roman lässt sich in kleine Einzelgeschichten aufspalten, welche miteinander verknüpft sind und in welchen ich eigene Lebenserfahrungen und Regungen wiedererkennen konnte. Diese sind es dann auch, welche die Neugierde und Aufmerksamkeit des Lesers wecken.