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Leigh Brackett

Raubtiere unter uns

Buchbesprechung von Christian Kuster

Inhalt

Ein Kriminalroman, geschrieben von Leigh (Douglass) Brackett (1957). Eines Nachts macht Walter Sherris einen Spaziergang. Er wird von einer Bande Jugendlicher brutalst zusammengeschlagen und liegt neun Tage im Koma. Er will Rache.

Mall's Ford, Ohio: Fünf Jugendliche misshandeln Walter Sherris schwer. Die Polizei unternimmt kaum etwas, da es sich um keinen Mordfall handelt und auch keine konkreten Hinweise vorhanden sind. Walter Sherris beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Das Fluchtauto noch im Gedächtnis, rast er eines Tages einem hellen Kabriolett hinterher. Sein Verdacht wird jedoch nicht bestätigt. Die Insassen sind nämlich drei junge Frauen. Dieser Vorfall steht natürlich am nächsten Tag in der Zeitung und die Täter wissen, dass Sherris ihnen auf den Fersen ist. Kurz darauf statten ihm drei der fünf Jugendlichen einen Besuch ab. Dieses Mal hat Walter mehr Glück und entkommt. Die Täter können wieder nicht gefasst, nicht einmal erkannt werden. Walter engagiert daraufhin einen Privatdetektiv. Als dieser bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben kommt und Walter Sherris nur knapp dem Tod entrinnt - er fährt gerade nach Hause und der Anführer der Bande schießt mit einer Gaspistole auf ihn - gewinnt der Fall für die Polizei mehr und mehr an Bedeutung. In der Nähe des Autounfalls wird eine weitere Leiche gefunden, zu Tode geprügelt.

Durch puren Zufall findet Sherris die Namen der Verdächtigen heraus. Adolph, der Sohn von Mrs. Liebendorffer, einer Nachbarin, die eigentlich auf Walters Kinder aufpassen soll, ist verschwunden. Von ihr erfährt Walter Sherris die Namen der anderen Jungen. Das Telefon läutet, es ist Adolph. Er will nichts mehr mit dieser Sache zu tun haben. Er ist in Newbridge, Pennsylvania. Sherris soll ihn dort abholen und keine Polizei einschalten. Walter fährt los, ohne das kaputte Rücklicht an seinem Wagen zu bemerken. Es ist Abend und so können ihn die Jugendlichen problemlos verfolgen, ohne irgendwie verdächtig zu erscheinen, sie können ja genügend Abstand halten. Sherris findet Adolph am vereinbarten Ort und sie fahren in Richtung Mall's Ford. Der Wagen hinter ihnen kommt plötzlich rasch näher und versucht, Sherris von der Straße zu drängen. Dieser biegt nach links ab, auf einen Feldweg. Schüsse gellen durch die Nacht. Walter und Adolph können sich gerade noch rechtzeitig in eine Scheune retten. Dort kommt es dann zu einem Schusswechsel. Walter kann die Jugendlichen aber so lange in Schach halten, bis die Polizei kommt.

Der Alptraum für Walter Sherris nimmt endlich ein Ende. Die "Raubtiere" werden verhaftet und müssen sich vor Gericht verantworten.


Interpretation

Walter Sherris, das Opfer der schweren Misshandlung, wird vom erfolgreichen, guten Familienvater zum hasserfüllten Mann, der es sich zur Lebensaufgabe macht, seine Peiniger zu finden und sie ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Sein unbändiger Hass verleiht ihm nahezu grenzenlose Willensstärke. Bemerkenswert aber ist, dass er danach eine noch engere Bindung zu seiner Frau hat, da ihm klar wird, wie sehr er sie braucht.

Tracey Sherris, Walters Frau, ist eine zierliche Person, die an dem schrecklichen Vorfall fast zerbricht. Sie steht im Konflikt mit sich selbst. Sie fragt sich, ob sie es ertragen kann, wenn ihr Mann bleibende Schäden davonträgt. Schließlich steht Tracey ihm dann doch tapfer zur Seite und hilft ihm mit ihrer Liebe und ihrem Verständnis, die ganze Sache durchzustehen.

Der Anführer der fünfköpfigen Jugendbande, nämlich Chuck, ist überdurchschnittlich intelligent und ebenso gefährlich. Durch seine ruhige, fast überlegene Art wirkt er sehr bösartig, beinahe unbezwingbar. Er hat eine schwer einzuschätzende Persönlichkeit, die es liebt, andere zu dominieren, um seine Überlegenheit zu demonstrieren. Er schreckt nicht einmal vor Mord zurück.

Einem Polizisten namens Koleski wird der Fall zugeteilt, da er in seinen Bereich fällt. Er vermittelt den Eindruck eines korrekten Beamten, der nie einen Gesetzesbruch begeht und immer sachlich bleibt. Trotzdem lässt er Sherris auf eigene Faust ermitteln und hilft ihm, wo er nur kann.

Der Barmann eines Lokals in der Nähe des Tatorts. Noddy, ein rechtschaffener Mann, dessen Äußeres eher auf das Gegenteil schließen lässt, kennt die Leute in der Gegend und hat einige nützliche Informationen parat.

Einer der fünf Jugendlichen: Adolph. Er will nichts mehr mit der Sache zu tun haben und bekommt panische Angst. In Wahrheit ein guter Junge, der falschen Umgang hat.

Zum Schauplatz der Handlung: Ihm kommt keine besondere Bedeutung zu. Die Zeit, in der jene stattfindet, ist dafür umso interessanter. Für diese Zeit (1957) ist die Tat eher ein Einzelfall. Sie spiegelt eigentlich die heutigen Verhältnisse wieder. Gewalttaten von Jugendlichen stehen heute sozusagen auf der Tagesordnung. Leigh Brackett spricht somit ein Problem an, das bereits damals außer Kontrolle zu geraten scheint.

Eine Frau wird vergewaltigt, eine andere erdrosselt, ein Mann wird zusammengeschlagen. Es steht in Zeitungen, man hört es im Radio oder kennt es aus dem Fernsehen. Man überfliegt die Artikel, hört bzw. sieht nicht wirklich hin. Doch wer wird der Nächste sein? Jeden kann es treffen. Aber es wird nicht ernsthaft darüber nachgedacht. Über derartig krankhafte Perversionen, deren einziges Ziel die Erniedrigung eines Anderen bzw. die Macht über denjenigen ist, muss aber nachgedacht werden. Leigh Brackett hält es für wichtig, diesen Fällen Beachtung zu schenken und nicht einfach wegzusehen.

Zudem will die Autorin die Altersgruppe der Teenager ansprechen. Die Tatsache, dass es sich um Jugendliche handelt, soll die Gewalttätigkeit verharmlosen, doch ist sie nicht weniger gefährlich als die von Erwachsenen. Ein Teil der Schuld liegt bei den Eltern, ist sich Leigh Brackett sicher. Sie beschützen ihr Kind, obwohl sie wissen, dass es "anders" ist, anstatt ihm zu helfen.

Persönliches Urteil

Ein Krimi, der es in sich hat. Der Leser kann sich geradezu in das Opfer hineinversetzen. Man spürt die Unberechenbarkeit der Jugendlichen, die jeden Augenblick zuschlagen können. Die Verzweiflung und die Angst, die das Opfer beschleichen, sind zum Greifen nah. Sarkastische Phrasen lockern das Ganze ein wenig auf. Die Charaktereigenschaften der verschiedenen Personen sind nicht eindeutig definiert. Zum Beispiel stellt sich Noddy, der Barmann, bei näherer Betrachtung als redseliger Mensch heraus, der bei der ersten Begegnung mit Sherris noch schweigt wie ein Grab. Tracey ist ebenfalls schwer einzuschätzen. Ihre wahren Gefühle sind anfangs nicht zu ergründen. Auch die Hauptgestalt lässt auf Abwechslung hoffen, da sie weder ein Polizist noch ein Detektiv ist, sondern ein ganz normaler Angestellter irgendeiner Firma.

Die Handlung nimmt nicht zu ahnende Wendungen und Lesespaß ist garantiert. Kleiner Wermutstropfen: Das Ende lässt Kreativität vermissen. Alles in allem finde ich das Buch empfehlenswert.